Elternschaft kennt keine Mauern: Warum gezielte Bildungsprogramme für inhaftierte Väter nicht nur Familien näher zusammenbringen, sondern auch den Weg für eine erfolgreiche Resozialisierung ebnen.
Die Bedeutung von Elternschaft hinter Gittern
Die Inhaftierung eines Elternteils stellt für alle Beteiligten eine enorme Belastung dar. Die Trennung von Kindern, der Verlust der aktiven Vaterrolle und die soziale Stigmatisierung sind Faktoren, die nicht nur das Leben des Gefangenen beeinflussen, sondern auch langfristige Folgen für die kindliche Entwicklung haben können. Das europäische Projekt NESTOR, finanziert durch das Erasmus+-Programm, setzt genau hier an: Es hat das Ziel, inhaftierte Väter durch strukturierte Elternbildungsprogramme zu unterstützen, ihre Rolle trotz der Haft weiterhin verantwortungsvoll auszuüben.
Struktur und Umsetzung des NESTOR-Projekts
Das Projekt NESTOR wurde 2020 initiiert und bis 2024 durchgeführt. Im Zentrum stehen 30 Elternschulen in 20 griechischen Justizanstalten, die inhaftierten Vätern spezifische Trainings zur Förderung ihrer Erziehungskompetenzen anbieten. Ein interdisziplinäres Team aus Psychologen, Familientherapeuten und Sozialarbeitern entwickelte hierfür ein umfangreiches Schulungskonzept, das über eine einfache Wissensvermittlung hinausgeht. Neben theoretischen Inputs stehen Selbsterfahrungsübungen, Gruppendiskussionen und psychologische Betreuung im Fokus.
Das Interventionshandbuch beschreibt die methodischen Schritte, die zur erfolgreichen Implementierung dieser Elternschulen nötig waren. Von der Datenerhebung über die Auswahl der Justizanstalten bis hin zur Schulung des Fachpersonals wurden detaillierte Maßnahmen festgelegt, um die Nachhaltigkeit des Projekts sicherzustellen.
Einblicke aus dem Bildungsprogramm für inhaftierte Väter
Das „Educational Toolkit für Eltern – Gefangene“ bietet praxisnahe Inhalte, die speziell für die Schulung inhaftierter Väter entwickelt wurden. Es umfasst zwölf Treffen, die sich mit folgenden Kernthemen befassen:
- Identität und Selbstbestimmung: Wer bin ich als Vater? Welche Werte möchte ich weitergeben?
- Kommunikation und emotionale Bindung: Wie kann ich trotz Haft eine enge Beziehung zu meinem Kind pflegen?
- Gewaltfreie Kommunikation: Wie reagiere ich in Konfliktsituationen konstruktiv?
- Umgang mit Distanz und Verlust: Wie kann ich mit den Herausforderungen der Trennung umgehen und meinem Kind weiterhin eine Stütze sein?
Die Methoden reichen von klassischen Lerneinheiten bis hin zu kreativen Elementen wie Kunsttherapie, Geschichtenerzählen und praktischen Übungen, um den Vätern das nötige Rüstzeug für eine positive Eltern-Kind-Beziehung zu geben.
Evaluation und politische Empfehlungen für die Zukunft
Das Projekt wurde während und nach seiner Umsetzung umfassend evaluiert. Die Ergebnisse zeigen eine signifikante Verbesserung der Vater-Kind-Beziehung bei den Teilnehmern. Laut einer Erhebung unter den inhaftierten Vätern gaben mehr als 80 Prozent an, dass sie sich durch das Programm besser auf ihre Rolle als Vater vorbereitet fühlten und die Kommunikation mit ihren Kindern verbessert hätten.
Die daraus resultierenden Policy-Empfehlungen unterstreichen die Notwendigkeit, Elternbildungsprogramme als festen Bestandteil in den Justizvollzug zu integrieren. Dies betrifft sowohl die Fortbildung des Strafvollzugspersonals als auch die institutionelle Unterstützung für Programme wie NESTOR.
Ein Modell für Europa?
Das NESTOR-Projekt ist ein Beispiel dafür, wie Rehabilitation im Strafvollzug sinnvoll gestaltet werden kann. Durch die Förderung der elterlichen Kompetenzen wird nicht nur die Resozialisierung inhaftierter Väter erleichtert, sondern auch das Kindeswohl langfristig gesichert. In der Strafvollzugspolitik sollte dieses Modell daher als Best-Practice-Beispiel für eine nachhaltige Wiedereingliederung in Betracht gezogen werden.
Weitere Informationen zum Projekt sind auf der offiziellen Website verfügbar: schools.kemea-research.gr